Regelkunde & Schiedsrichter

Gelb- und Rote Karten richtig deuten: Verwarnung, Tätlichkeit und taktisches Foul

Wann gibt es Gelb, wann Rot, und was unterscheidet die Notbremse vom taktischen Foul? Wir zeigen die Karten-Praxis im Amateurfußball mit Beispielen und Tipps.

· von Benjamin Bohl · 12 Min. Lesezeit

Kaum ein Augenblick im Fußball ist so emotional wie eine Karte. Der Schiri zieht die Tasche, alle 22 Spieler halten den Atem an, eine Mannschaft jubelt, die andere protestiert. Im Amateurfußball wird die Bedeutung von Gelb und Rot oft missverstanden – sowohl von Spielern als auch von Trainern und Schiedsrichtern.

In diesem Artikel zeige ich dir, welche Vergehen welche Karte verdienen, wie die IFAB die Karten-Vergabe ausgelegt hat und welche Konsequenzen die einzelnen Karten in der Saison haben. Mit Beispielen aus dem Kreisliga-Alltag und Tipps für Spieler, Trainer und Schiris.

Die Grundlagen: Wann gibt es Gelb, wann Rot?

Nach IFAB-Regel 12 gibt es sieben Vergehen, die zwingend zu einer Gelben Karte führen, und sieben Vergehen, die zwingend zu einer Roten Karte führen. Hier die wichtigsten:

Gelbe Karte (Verwarnung)

  1. Unsportliches Verhalten (z. B. taktisches Foul, simulierter Foulversuch)
  2. Anhaltendes Reklamieren durch Wort oder Geste
  3. Wiederholte Regelverletzungen
  4. Verzögern der Spielfortsetzung
  5. Nichteinhalten des Mindestabstands bei Eckstoß, Freistoß oder Einwurf
  6. Betreten oder Verlassen des Spielfelds ohne Erlaubnis
  7. Trikot ausziehen beim Torjubel oder Trikot über den Kopf ziehen

Rote Karte (Feldverweis)

  1. Schwere Tätlichkeit außerhalb des Spielgeschehens
  2. Tätlichkeit (Schlag, Tritt etc. gegen einen Mitspieler oder Gegenspieler)
  3. Anspucken
  4. Verhindern eines Tores oder einer klaren Torchance durch absichtliches Handspiel (Notbremse)
  5. Verhindern einer klaren Torchance durch Foul
  6. Beleidigung
  7. Zweite Gelbe Karte im selben Spiel

Klingt klar – ist es in der Praxis aber selten.

Die häufigsten Karten-Situationen im Amateurfußball

Das taktische Foul

Das wohl häufigste Karten-Vergehen: Ein Spieler reißt einen durchstartenden Gegner um, weil sonst eine Torchance entstehen würde. Wenn die Torchance nicht klar war, gibt es Gelb für unsportliches Verhalten. Wenn es eine klare Torchance war, gibt es Rot (Notbremse).

Der Unterschied zwischen "klar" und "nicht klar" ist im Amateurfußball oft strittig. Drei Kriterien helfen:

  1. Distanz zum Tor: Je näher zum Tor, desto wahrscheinlicher klare Torchance.
  2. Anzahl Verteidiger zwischen Stürmer und Tor: Wenn nur noch der Torwart dazwischen ist, klare Torchance.
  3. Ballkontrolle: Hat der Stürmer den Ball wirklich unter Kontrolle?

Im Strafraum gilt eine zusätzliche IFAB-Auslegung: Wenn das Foul "in einer offenen Spielsituation um den Ball" passiert (also kein Halten, Ziehen oder Stoßen), wird die Rote Karte oft zur Gelben heruntergestuft ("triple punishment"-Regel) – Elfmeter plus Gelb statt Rot.

Verwarnung wegen Reklamierens

Reklamieren ist im Amateurfußball ein Volkssport. Aber: Anhaltendes Reklamieren ist gelb-würdig. Mein Tipp an Spieler: Eine kurze Bemerkung ist okay, eine zweite oder dritte führt fast immer zur Karte.

Gute Schiris geben einmal eine deutliche Warnung ("Schluss jetzt!") und ziehen erst dann die Karte. Schlechte Schiris reagieren sofort – aber das ist regelkonform.

Die zweite Gelbe Karte

Wer eine Gelbe Karte hat, sollte sich zurückhalten. Eine zweite Gelbe – etwa wegen eines weiteren leichten Fouls – führt zur Gelb-Rot. Ergebnis: Feldverweis und Sperre für mindestens ein Spiel (je nach Verband).

Tätlichkeit

Tätlichkeit liegt vor, wenn ein Spieler einen anderen schlägt, tritt oder anspuckt – egal, ob der Ball gerade in der Nähe ist oder nicht. Wichtig: Tätlichkeit ist auch dann strafbar, wenn keine Verletzung entsteht. Die Absicht reicht aus.

Typische Beispiele:

  • Ellbogencheck im Luftduell ohne Spielmöglichkeit
  • Ein Tritt nach dem Pfiff
  • Eine Kopfnuss im Gerangel
  • Schlag in die Magengrube nach einem Foul

Im Amateurfußball gibt es nach Tätlichkeiten oft lange Sperren (3-12 Spiele, in schweren Fällen ganze Saisons). Die Sportgerichte sind hier sehr streng.

Beleidigung

Wer den Schiri oder einen Mitspieler beleidigt, bekommt direkte Rot. Die Sperren sind hier ähnlich hoch wie bei Tätlichkeiten – Beleidigung ist im Amateurfußball ein schwerer Verstoß.

Wer in seiner Mannschaft Spieler hat, die häufiger zur Eskalation neigen, sollte das in der Kabine gezielt thematisieren – siehe auch Kabinengespräche als Trainer führen.

Die Notbremse: Wann ist sie wirklich Rot?

Die Notbremse ist im Amateurfußball oft falsch verstanden. Vier Kriterien müssen erfüllt sein, damit die Rote Karte zwingend ist:

  1. Klare Torchance des Stürmers
  2. Entfernung zum Tor im Strafraum oder kurz davor
  3. Anzahl Verteidiger – nur noch der Torwart zwischen Stürmer und Tor
  4. Ballkontrolle des Stürmers

Wenn alle vier Kriterien erfüllt sind und ein Verteidiger durch Foul oder Hand das Tor verhindert: Rote Karte zwingend.

Die IFAB hat 2016 die "triple punishment"-Regelung eingeführt: Im Strafraum, wenn das Foul nicht ein Halten oder Ziehen war, sondern ein Spielversuch um den Ball, wird die Rote Karte zur Gelben heruntergestuft. Logik: Elfmeter ist schon Strafe genug, wenn der Verteidiger den Ball wirklich spielen wollte.

Spezialfall: Doppelbestrafung im Strafraum

Die "triple punishment"-Regelung gilt nur im Strafraum und nur bei Spielversuchen. Halten, Ziehen, Stoßen und Treten ohne Spielversuch werden weiterhin mit Rot bestraft.

Konkrete Beispiele:

  • Foul im Strafraum, Verteidiger spielt klar den Ball, trifft aber den Stürmer: Elfmeter plus Gelb (kein Rot).
  • Foul im Strafraum, Verteidiger zieht am Trikot: Elfmeter plus Rot (Notbremse).
  • Foul im Strafraum, Verteidiger geht mit gestreckten Beinen ohne Ballkontakt rein: Elfmeter plus Rot.

Auswirkungen einer Karte auf die Saison

Im DFB-Spielbetrieb

Im DFB-Spielbetrieb gilt eine Sperrenregel nach Gelben Karten. Je nach Liga und Verband gibt es nach 3, 4 oder 5 Gelben Karten ein Spiel Sperre. Diese Regel ist verbandsspezifisch.

Nach Gelb-Rot gibt es in der Regel ein Spiel Sperre. Nach direkter Roter Karte werden mindestens 2 Spiele ausgesprochen, je nach Schwere bis zu 12 Spiele oder mehr.

Sportgericht

Nach jeder Roten Karte berät das Sportgericht des Verbands. Hier wird die Sperre festgesetzt – manchmal höher als die Mindeststrafe, je nach Schwere des Vergehens und Vorstrafen des Spielers.

Wenn dein Spieler eine Rote Karte sieht, plane mindestens 1-2 Spiele Sperre ein. Bei Tätlichkeiten oder Beleidigung sind 3-6 Spiele üblich, in schweren Fällen mehr.

Tipps für Spieler

Tipp 1: Sei nach einer Gelben Karte vorsichtig

Nach Gelb gilt: Keine Zweikämpfe in unklarer Position. Lass dem Gegner lieber 5 Meter Vorsprung, als ein riskantes Tackling zu wagen. Eine Gelb-Rot ist meistens vermeidbar.

Tipp 2: Reklamiere nicht

Reklamieren bringt nichts. Im Gegenteil: Es bringt dir eine Karte ein, ohne die Entscheidung zu ändern. Sprich nach dem Spiel mit dem Schiri, wenn du eine Frage hast.

Tipp 3: Halte die Hände unten

Bei Standardsituationen, gerade bei Eckstößen im eigenen Strafraum: Halte die Arme eng am Körper. Eine Hand-Berührung kann zu Elfmeter und Gelb führen – siehe Artikel Handspiel-Regel 2024.

Tipp 4: Nach dem Pfiff: Pause

Nach dem Schlusspfiff oder dem Halbzeitpfiff gibt es kein Spielgeschehen mehr. Wer dann noch tritt oder schlägt, riskiert Tätlichkeit – und das wiegt schwerer als jedes Foul im Spiel.

Tipps für Trainer

Tipp 1: Sprich vor dem Spiel

In der Kabine vor dem Spiel solltest du gezielt das Karten-Verhalten ansprechen, gerade wenn du Spieler mit kurzer Zündschnur in der Mannschaft hast. "Heute keine Reklamationen, heute keine Tätlichkeiten" ist eine klare Ansage.

Tipp 2: Hol Spieler raus

Wenn ein Spieler nach Gelb in einen weiteren Konflikt rutscht, hol ihn lieber raus. Lieber eine taktische Auswechslung als Gelb-Rot.

Tipp 3: Plane Sperren

Führe eine Karten-Statistik für jeden Spieler. Wenn jemand bei drei Gelben steht, wisst ihr, dass eine vierte zur Sperre führt – wichtig, gerade vor Spitzenspielen.

In MatchMakers kannst du die Spielzettel und Spielberichte in der Plattform verwalten. Wer Schiedsrichter-Zuweisungen organisiert, findet weitere Tipps unter Schiedsrichter zuweisen mit MatchMakers.

Tipp 4: Lebe Vorbild

Der Trainer ist Vorbild. Wer selbst auf der Bank schreit und reklamiert, kann von seinen Spielern keine Disziplin erwarten. Das gilt besonders in der Jugendarbeit – Kinder kopieren das Verhalten von Trainer und Eltern.

Tipps für Schiris

Tipp 1: Verwarnung vor Karte

Gute Schiris arbeiten mit mündlichen Verwarnungen. Eine deutliche Ansage "Letzte Warnung!" rettet oft eine Karte. Wer sofort die Tasche zieht, verliert das Vertrauen der Spieler.

Tipp 2: Konsequent bei Tätlichkeit

Bei Tätlichkeiten gibt es kein Ermessensspielraum: Rote Karte. Punkt. Wer hier zögert, verliert die Kontrolle über das Spiel.

Tipp 3: Erkläre die Karte

Wenn du eine Karte gibst, erkläre kurz und sachlich, warum. "Reklamation" oder "taktisches Foul" reicht. Lange Diskussionen vermeiden.

Tipp 4: Schreib korrekt auf

Nach dem Spiel: Notiere alle Karten korrekt mit Spielername, Trikotnummer und Vergehen. Das ist wichtig für den Spielbericht und die Sportgerichts­verhandlung.

Wer als Anfänger Schiri werden will, findet ausführliche Tipps in Als Vereinsschiri pfeifen lernen.

Spezialfall: Trainer-Bank

Auch Trainer können Karten bekommen – seit 2019 sind in den meisten Verbänden Karten für Bankpersonen offiziell eingeführt. Wer als Trainer aus der Coaching Zone schreit, beleidigt oder den Schiri am Trikot zupft, riskiert Gelb oder Rot.

Konkret bedeutet das: Du, dein Co-Trainer oder dein Betreuer dürft das Spiel nicht beeinflussen. Anweisungen geben ja, Diskussionen mit dem Schiri nein.

Die häufigsten Mythen

Mythos 1: "Beim ersten Foul keine Karte."

Falsch. Wenn das Foul taktisch oder grob ist, gibt es Gelb auch beim ersten Foul.

Mythos 2: "Im Strafraum nur Elfmeter, keine Karte."

Falsch. Im Strafraum kann es zusätzlich zur Gelben oder Roten Karte kommen, je nach Vergehen.

Mythos 3: "Wenn der Stürmer fällt, ist es Schwalbe."

Falsch. Manche Stürmer fallen, weil sie wirklich gefoult wurden. Schwalbe ist nur, wenn der Stürmer simuliert, also ohne Kontakt fällt oder den Kontakt theatralisch übertreibt.

Mythos 4: "Tätlichkeit nur bei Verletzung."

Falsch. Tätlichkeit ist auch ohne Verletzung strafbar. Die Absicht reicht.

Die Wirkung auf das Spiel

Eine Karte verändert das Spiel oft mehr als ein Tor. Hier ein paar Beispiele:

  • Gelbe Karte gegen den Sechser in der 30. Minute: Er muss sich zurückhalten, kann nicht mehr aggressiv pressen. Mannschaft verliert das Mittelfeld-Pressing. Lies dazu Pressing im Amateurfußball.
  • Rote Karte gegen den Innenverteidiger in der 60. Minute: Mannschaft muss mit 10 Mann verteidigen, oft Systemwechsel auf 5-3-1.
  • Gelb-Rot gegen den Kapitän: Mannschaft verliert Führung auf dem Platz. Wichtige Auswirkung – siehe auch Kapitän werden und führen.

Was du nach einer Roten Karte tust

Als Spieler

  • Verlasse den Platz ruhig und ohne Reklamation.
  • Setze dich in die Kabine, dusche, akzeptiere die Sperre.
  • Sprich mit dem Trainer in den nächsten Tagen über die Situation.

Als Trainer

  • Stelle die Mannschaft taktisch um (5-3-1 oder 4-4-1, je nach Spielstand).
  • Ermutige die Spieler, weiter zu kämpfen – "Wir haben noch 30 Minuten".
  • Plane für die nächsten Spiele die Sperre ein, finde Ersatz.
  • Sprich mit dem betroffenen Spieler nach dem Spiel.

Sportgericht

Beim Sportgericht erscheint in der Regel nur der Trainer oder ein Vereinsvertreter. Spieler kommen nur mit, wenn schwere Vorwürfe (Tätlichkeit, Beleidigung) im Raum stehen. Bringe den Spielbericht und ggf. Aussagen mit.

Fazit: Karten verstehen, Karten vermeiden

Karten gehören zum Fußball. Wer die Regeln versteht und sich daran hält, vermeidet 80 % aller Karten. Wer als Trainer und Kapitän Disziplin lebt, hilft seiner Mannschaft, mit voller Stärke spielen zu können.

Mein letzter Tipp: Nach einer Karte sofort die Position prüfen. Bist du in einer Situation, in der eine zweite Karte droht? Dann hol dich raus oder weich aus dem Zweikampf.

Nächste Schritte

  • Sprich vor dem nächsten Spiel mit deiner Mannschaft über das Karten-Verhalten.
  • Plane in Events eine 15-Minuten-Einheit zur Regelkunde ein.
  • Vereinbare ein Testspiel über Spielanfragen und beobachte das Disziplinverhalten deiner Mannschaft.
  • Lies, wie du die Abseits-Regel einfach erklärst, um auch dort Diskussionen zu vermeiden.
  • Mehr Beiträge zur Schiedsrichterei findest du in unserem Blog.

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