Pressing im Amateurfußball: Hohes Pressing, Mittelfeldpressing und Konterpressing richtig trainieren
Pressing ist das mächtigste Werkzeug im Amateurfußball – wenn du es richtig einsetzt. Wir zeigen dir die drei wichtigsten Pressingformen und wie du sie trainierst.
Pressing ist eines der mächtigsten Werkzeuge im modernen Fußball. Wer den Ball früh erobert, spielt automatisch näher am gegnerischen Tor – und das gilt im Amateurbereich genauso wie in der Champions League. Aber Pressing ist auch eines der am meisten missverstandenen Konzepte. Im Amateurfußball sehe ich Woche für Woche Mannschaften, die "pressen" wollen, in Wirklichkeit aber nur wild rumlaufen, sich Lücken einhandeln und am Ende mit langen Bällen ausgekontert werden.
In diesem Artikel zeige ich dir die drei wichtigsten Pressingformen für Amateurmannschaften, die richtigen Trigger, konkrete Trainingsformen – und wann welche Variante zu welchem Gegner passt.
Was Pressing wirklich ist (und was nicht)
Pressing heißt organisierter Druck auf den Ballführenden mit dem Ziel, den Ball zu erobern oder den Gegner zu einem Fehler zu zwingen. Pressing ist nicht: hektisches Hinterherlaufen, einzelnes Anlaufen ohne Absicherung oder "einfach mal richtig draufgehen".
Die drei Bausteine jedes erfolgreichen Pressings sind:
- Anlaufen – einer geht den Ballführenden an
- Absichern – die anderen schließen die Passwege
- Trigger – ein Auslöser, der das Pressing startet
Fehlt einer dieser Bausteine, scheitert das Pressing. Garantiert.
Die drei Pressingformen im Überblick
Hohes Pressing
Beim hohen Pressing attackierst du den Gegner schon in dessen Aufbauzone, also bei den Innenverteidigern oder dem Torwart. Ziel: Ballgewinn nahe am gegnerischen Tor.
Vorteil: Wenn du den Ball gewinnst, hast du nur 20-30 Meter bis zum Tor.
Nachteil: Wenn der Gegner den ersten Druck überspielt, hast du eine Zwei-gegen-Drei-Situation gegen die eigene Abwehr – und das endet meist im Tor.
Geeignet für: Mannschaften mit fitten, schnellen, taktisch disziplinierten Spielern. Im Amateurbereich oft erst ab Bezirksliga sinnvoll.
Mittelfeldpressing
Beim Mittelfeldpressing lässt du den Gegner aufbauen und erst beim Übergang ins Mittelfeld kommt der Druck. Deine Defensivlinie steht etwa an der Mittellinie, das Pressing greift im Bereich zwischen 30 und 50 Metern vor dem eigenen Tor.
Vorteil: Du hast Räume hinter dir kompakt, das Risiko ist überschaubar.
Nachteil: Du musst immer noch 50-60 Meter zum Tor überbrücken, wenn du den Ball gewinnst.
Geeignet für: Fast jede Amateurmannschaft. Das ist die solide Standardlösung.
Konterpressing
Konterpressing ("Gegenpressing") setzt direkt nach dem Ballverlust ein – die ersten 6-10 Sekunden. Ziel: Den Ball sofort zurückerobern, bevor der Gegner umschalten kann.
Vorteil: Wenn es klappt, gewinnst du den Ball in Räumen, in denen der Gegner ungeordnet steht – also in idealer Konterposition.
Nachteil: Wenn das Konterpressing nicht klappt, ist das Spiel offen wie ein Scheunentor.
Geeignet für: Mannschaften, die ohnehin offensiv spielen und Spieler haben, die nach Ballverlust sofort umschalten können – mental und körperlich.
Die Pressing-Trigger
Ein Trigger ist ein Auslöser, bei dem das gesamte Team gemeinsam losgeht. Ohne Trigger pressen einzelne Spieler – und das ist nutzlos. Hier sind die wichtigsten Trigger, die ich im Training einbaue:
Trigger 1: Rückpass zum Torwart
Wenn der Innenverteidiger zum Torwart zurückpasst, geht der eigene Stürmer auf den Torwart, die Flügel auf die Innenverteidiger, die Achter auf die Sechser. Das ist der klassische Pressing-Moment – fast jede gegnerische Mannschaft im Amateurbereich verliert hier den Ball.
Trigger 2: Schlechte Annahme
Wenn ein gegnerischer Spieler den Ball schlecht annimmt (Ball springt, fließt weg), greift der nächste Spieler sofort an. Schlüsselwort fürs Training: "Ball klemmt!"
Trigger 3: Pass auf einen Außenverteidiger mit Rücken zum Spielfeld
Wenn der Außenverteidiger den Ball mit dem Rücken zum eigenen Tor bekommt und keine offene Stellung hat, attackieren der Flügelstürmer und der Außenverteidiger gleichzeitig. Klassische Pressingfalle an der Seitenlinie.
Trigger 4: Langer Ball, der gerade hinten ankommt
Wenn der Gegner einen langen Ball spielt und der Stürmer ihn nicht direkt verarbeiten kann, geht das gesamte Team nach vorne und schiebt nach.
Trainingsformen für Pressing
Übung 1: 4 gegen 4 plus 2 Anspieler (15 Minuten)
Auf einem 30 x 25 Meter Feld spielen vier gegen vier mit zwei Anspielern an den kurzen Seiten. Die Mannschaft, die den Ball verliert, muss innerhalb von 5 Sekunden den Ball zurückerobern – sonst gibt es einen Strafpunkt. Diese Übung trainiert das Konterpressing perfekt.
Übung 2: 8 gegen 8 mit Pressingauslösern (20 Minuten)
Auf einem halben Spielfeld spielen zwei Achter-Mannschaften gegeneinander. Du als Trainer rufst Trigger aus ("Rückpass!", "Klemmer!"). Bei jedem Trigger müssen die ballnahen Spieler sofort losgehen, die anderen schieben nach. Wer den Trigger verschläft, macht 5 Liegestütze.
Übung 3: Pressing-Auslöser im Spielform (25 Minuten)
11 gegen 11 auf normalem Feld, aber mit einer Regel: Die verteidigende Mannschaft darf erst pressen, wenn ein Trigger eintritt. Davor steht sie nur kompakt und sichert ab. Das schult die Geduld – ein Wert, der im Amateurbereich oft fehlt.
Pressing nach Spielminute
Ein oft übersehener Aspekt: Pressing verändert sich im Laufe des Spiels. In den ersten 20 Minuten ist deine Mannschaft am frischesten – das ist die Phase, in der hohes Pressing Sinn macht. Ab Minute 60 wird die Mannschaft müde, und du solltest eher auf Mittelfeldpressing umschalten. In den letzten 10 Minuten passt oft sogar nur noch ein tiefes Verteidigen mit gelegentlichen Attacken.
Wer das nicht beachtet, verbraucht in den ersten 30 Minuten so viel Energie, dass er das Spiel in der zweiten Halbzeit verliert. Eine kluge Pressing-Strategie ist immer auch eine Energiemanagement-Frage.
Pressing-Auslöser visualisieren
Im Trainerleben hilft es, die Pressing-Trigger nicht nur verbal zu erklären, sondern auch mit Bildern zu unterlegen. Ich nutze gerne ein DIN-A3-Plakat in der Kabine, auf dem die vier Hauptauslöser stehen. Vor jedem Spiel zeige ich auf das Plakat und sage: "Heute pressen wir bei Trigger 1 und 2." Klingt simpel, ist aber für viele Spieler eine echte Hilfe.
Für junge Spieler oder neue Mannschaftsmitglieder funktionieren auch Videosequenzen aus eigenen Spielen – am besten Szenen, in denen der Trigger gut umgesetzt wurde. Mit der Zeit entsteht ein gemeinsames Verständnis, was "jetzt pressen" konkret bedeutet.
Konditionelle Voraussetzungen
Pressing ist anstrengend. Sehr anstrengend. Wenn deine Mannschaft nicht topfit ist, kannst du Pressing vergessen – nach 60 Minuten gibt es nur noch lange Bälle und Konter gegen dein Team.
Deshalb solltest du:
- Im Aufwärmen vor dem Spiel (Aufwärmen vor dem Spiel) bereits intensive Sprintläufe einbauen, damit der Körper bereit ist.
- In der Trainingswoche mindestens eine intensive Pressingeinheit einplanen.
- Nach intensiven Pressingspielen genug Zeit für die Regeneration nach dem Spiel einplanen.
- Spieler, die konditionell hinterherhinken, gezielt zusatztrainieren lassen.
Die häufigsten Fehler im Pressing
Fehler 1: Einzelnes Anlaufen ohne Absicherung
Der Stürmer geht alleine vor, alle anderen stehen 20 Meter dahinter. Der Gegner spielt einen einfachen Pass am Stürmer vorbei – und das Pressing ist Geschichte.
Fehler 2: Pressing ohne Plan
Die Mannschaft presst, aber niemand weiß, welcher Pass zugemacht werden soll. Im Amateurbereich oft die Regel statt die Ausnahme.
Fehler 3: Pressing zu lange
Wenn der Gegner einmal die erste Pressinglinie überspielt hat, muss die Mannschaft sofort abkippen und sich neu organisieren. Wer aus Prinzip weiter presst, wird ausgekontert.
Fehler 4: Pressing gegen den falschen Gegner
Nicht jeder Gegner reagiert gleich auf Pressing. Mannschaften mit ballsicherem Aufbau überspielen hohes Pressing leicht. Hier ist Mittelfeldpressing klüger. Eine gute Spielanalyse für Amateurtrainer hilft dir, die richtige Variante zu wählen.
Pressing im Spielsystem 4-3-3
Das 4-3-3 ist das natürliche Pressingsystem schlechthin: Drei Stürmer können die gegnerische Dreierkette oder Viererkette zustellen, das Mittelfeld schiebt nach. Mehr Details in unserem Artikel zum 4-3-3 im Amateurfußball.
Im 4-4-2 wird es etwas schwieriger, weil du nur zwei Stürmer hast und einer der Achter mit nach vorne muss. Im 5-3-2 wird Pressing fast unmöglich – hier solltest du eher auf Mittelfeldpressing setzen.
Wie du Pressing in der Saison einführst
Meine Empfehlung: Führe Pressing schrittweise ein. In der Vorbereitung trainierst du nur die Trigger und das Anlaufen. In den ersten fünf Saisonspielen spielst du Mittelfeldpressing. Erst danach – wenn die Grundlagen sitzen – versuchst du dich am hohen Pressing.
Gute Vorbereitung beginnt mit guter Saisonplanung im Amateurfußball. Nutze die Wochen zwischen Punktspielen für Testspiele, in denen du dein Pressing-System gegen unterschiedliche Gegner ausprobierst – einfach und schnell vereinbart über Spielanfragen.
Fazit: Pressing ist trainierbar
Pressing ist kein magisches Konzept, sondern eine Sammlung von Verhaltensmustern, die du Schritt für Schritt einüben kannst. Jeder Amateurtrainer kann seine Mannschaft pressen lassen – wenn er die Trigger erklärt, die Übungen gezielt einsetzt und die konditionellen Grundlagen schafft.
Nächste Schritte
- Wähle EINE Pressingform für deine Mannschaft und konzentriere dich vier Wochen darauf.
- Plane deine Trainingseinheiten in Events und kommuniziere sie über Messages.
- Vereinbare ein Testspiel gegen einen ballsicheren Gegner, um dein Pressing zu prüfen.
- Lies anschließend, wie du Standardsituationen trainierst – denn auch nach Pressingerfolgen entstehen oft Standards.
- Du brauchst noch einen Schiedsrichter für dein Testspiel? Lies unseren Artikel über den Schiedsrichtermangel im Amateurfußball.
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