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Welche Statistiken bringen wirklich was? xG, Pässe, Zweikämpfe – sinnvoll oder Ablenkung?

xG, Passquote, Zweikampfquote – Statistiken sind im Profifußball Pflicht. Aber welche helfen Amateurtrainern wirklich, und welche sind nur Zahlen-Show?

· von Benjamin Bohl · 13 Min. Lesezeit

Montagmorgen, ein Trainerkollege schreibt mir: "Wir hatten am Sonntag 65 % Ballbesitz und 18 Torschüsse, aber 0:2 verloren. Ich verstehe es nicht." Ich antworte: "Wie viele dieser 18 Torschüsse waren echte Großchancen? Welche xG-Werte hattet ihr?" Schweigen. Dann: "xG?"

Willkommen in der Welt der Fußball-Statistiken. Während im Profibereich xG, PPDA und Field Tilt zur Standardsprache gehören, ist im Amateurbereich oft nicht mal die Passquote bekannt. Dabei können Statistiken Trainern enorm helfen – wenn sie die richtigen auswählen. In diesem Artikel zeige ich dir, welche Werte im Amateurfußball wirklich nützlich sind, welche nur Show-Effekt haben und wie du sie ohne Profitools selbst erhebst.

Warum Statistiken im Amateurbereich oft falsch eingeschätzt werden

Profis nutzen Statistiken, um winzige Unterschiede zwischen ihnen und ihren Konkurrenten herauszuarbeiten. Im Amateurbereich sind die Unterschiede zwischen "gut" und "schlecht" meist so groß, dass du sie auch ohne Zahlen siehst. Trotzdem ist Statistik kein Luxus, sondern ein Werkzeug, das dich vor falschen Schlüssen schützt.

Ein Beispiel: Du verlierst 0:2 und denkst "Wir waren chancenlos." Wenn du dann siehst, dass du 5 echte Großchancen hattest und der Gegner nur 2, weißt du: Das Spielsystem funktioniert, die Chancenverwertung muss besser werden. Eine völlig andere Trainingswoche.

Die Statistiken im Schnellüberblick

Statistik Aussagekraft im Amateurbereich Aufwand zur Erhebung
Tore Hoch Sehr niedrig
Echte Großchancen Sehr hoch Niedrig
xG (Expected Goals) Hoch (mit Bewertung) Mittel
Ballbesitz Niedrig Mittel
Passquote Mittel Hoch
Zweikampfquote Niedrig Hoch
Standards (Anzahl) Hoch Sehr niedrig
PPDA (Pressing-Intensität) Mittel Sehr hoch
Sprintdistanz pro Spieler Hoch (mit GPS) Sehr hoch
Defensivaktionen pro Spieler Mittel Mittel

Statistik 1: Tore – die einzig wirklich wichtige?

Fairerweise: Am Ende zählt nur das Tor. Aber der Toreverlauf zeigt dir Muster:

  • Fallen eure Tore aus dem Spiel oder aus Standards?
  • Bekommt ihr Tore in den letzten 10 Minuten der Halbzeiten?
  • Welcher Spieler ist am direkt-gefährlichsten?

Führe eine Excel-Tabelle, in der du jedes erzielte und kassierte Tor mit Minute, Situation und beteiligten Spielern festhältst. Nach 10 Spielen siehst du Muster, die dir das Bauchgefühl nie verraten würde.

Statistik 2: Echte Großchancen

Wichtiger als die Anzahl der Torschüsse ist die Anzahl der echten Großchancen – also Situationen, in denen ein durchschnittlicher Spieler das Tor wahrscheinlicher trifft als verfehlt.

Faustregel: Großchance =

  • Schuss aus dem Strafraum mit klarer Sicht zum Tor
  • 1-gegen-1 mit dem Torwart
  • Kopfball aus dem 5-Meter-Raum bei freier Sicht

Wenn du in einem Spiel 4 Großchancen hattest und nur einen Treffer gemacht hast, weißt du: Ihr seid offensiv präsent, müsst aber Abschluss trainieren. Wenn ihr keine Großchance hattest, müsst ihr am Spielaufbau arbeiten.

Statistik 3: xG (Expected Goals)

xG ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Schuss zu einem Tor führt – auf einer Skala von 0 bis 1. Profi-Datenanbieter berechnen xG mit komplizierten Modellen aus tausenden früheren Schüssen.

Im Amateurbereich kannst du eine vereinfachte Version selbst nutzen. Mein Modell:

  • 1-gegen-1 mit Torwart: 0.4 xG
  • Schuss aus dem 5-Meter-Raum, freie Sicht: 0.5 xG
  • Schuss aus dem Strafraum: 0.1 xG
  • Schuss aus 16-25 Meter: 0.05 xG
  • Schuss aus über 25 Meter: 0.02 xG
  • Kopfball aus dem 5-Meter-Raum: 0.3 xG
  • Standardsituation (Ecke/Freistoß) Kopfball: 0.1 xG

Nach dem Spiel rechnest du die xG aller Schüsse zusammen. Wenn dein Team 1.5 xG erspielt hat, aber 0 Tore geschossen hat: Pech. Wenn ihr 0.4 xG hattet und 2 Tore: Glück.

Über 10 Spiele gleichen sich Glück und Pech aus, und der xG-Schnitt zeigt dir, wie viele Tore deine Mannschaft eigentlich erzielen sollte.

Statistik 4: Ballbesitz – die übergewichtete Zahl

Ballbesitz ist im Amateurfußball fast nutzlos. Eine Mannschaft kann 70 % Ballbesitz haben und trotzdem chancenlos sein, wenn sie nur in der eigenen Hälfte hin- und herschiebt. Eine Konter-Mannschaft kann mit 35 % Ballbesitz haushoch gewinnen.

Wenn du Ballbesitz erhebst, dann immer getrennt nach Hälften:

  • Ballbesitz in der eigenen Hälfte
  • Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte

Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte ist eine deutlich aussagekräftigere Zahl, weil sie zeigt, ob du wirklich Druck machst.

Statistik 5: Passquote

Die Passquote (erfolgreiche Pässe geteilt durch Gesamtpässe) klingt nach einer wichtigen Größe. Im Amateurbereich ist sie aber meist überschätzt.

Problem: Eine hohe Passquote kann auch entstehen, wenn deine Mannschaft nur kurze, sichere Pässe spielt – ohne Risiko, ohne Chancen. Wertvoller ist die Passquote im letzten Drittel (also Pässe in oder in den Strafraum). Hier zeigt sich, wie kreativ deine Offensive wirklich ist.

Statistik 6: Zweikampfquote – die Vorsicht-Zahl

Die Zweikampfquote sieht beeindruckend aus, ist aber nutzlos, wenn man sie nicht kontextualisiert. Eine Mannschaft, die hoch presst, hat naturgemäß weniger Zweikämpfe als eine Konter-Mannschaft. Direkter Vergleich = Apfel und Birne.

Nutze Zweikampfquoten höchstens innerhalb deines Teams, um zu sehen, welcher Spieler über die Saison wirklich oft im Duell gewinnt.

Statistik 7: Standards

Wie viele Eckstöße, Freistöße im Strafraumvorfeld und gefährliche Einwürfe hattet ihr? Diese Zahl zu erheben ist trivial und liefert wertvolle Hinweise. Wer regelmäßig 8 Eckstöße pro Spiel hat, aber daraus 0 Tore macht, hat einen klaren Trainingsschwerpunkt.

Wie du Standards systematisch trainierst, zeigt unser Artikel zu Standardsituationen trainieren.

Statistik 8: PPDA (Passes per Defensive Action)

PPDA misst, wie viele Pässe der Gegner spielen darf, bevor deine Mannschaft eine Defensivaktion (Tackling, Pressing-Lauf) setzt. Niedrige PPDA = aggressives Pressing.

Die Erhebung ist im Amateurbereich aufwändig. Ich empfehle: Lass es weg, wenn du nicht mindestens einen Helfer hast, der das Spiel komplett analysiert.

Gute Hinweise zum Pressing findest du in unserem Artikel Pressing im Amateurfußball.

Statistik 9: Sprintdistanz pro Spieler

Nur sinnvoll, wenn du GPS-Tracker hast. Wie das geht und was es kostet, zeigt unser Artikel zu Heatmaps und GPS-Tracker im Amateurbereich.

Statistik 10: Defensivaktionen pro Spieler

Wie viele Tacklings, abgefangene Pässe oder Kopfballduelle hat ein Spieler? Hilft dir, defensiv unterschätzte Spieler zu erkennen. Oft fallen die Sechser durch hohe Werte auf, ohne dass es im Spiel auffällt.

Welche 5 Statistiken solltest du wirklich erheben?

Mein Vorschlag, wenn du im Amateurbereich anfängst:

  1. Tore mit Minute und Situation
  2. Großchancen pro Spiel
  3. xG (vereinfachtes Modell)
  4. Standards (Eckstöße/Freistöße)
  5. Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte

Das sind die fünf Werte, die du mit einem einfachen Notizbuch oder einer Excel-Tabelle erfassen kannst – ohne Software, ohne GPS, ohne Profi-Tools.

Wer erhebt die Daten?

Im Amateurbereich kannst du keine bezahlten Analysten einsetzen. Mein Vorschlag: Suche dir zwei Helfer.

  • Helfer 1 (Live-Erhebung): Sitzt während des Spiels mit Tablet oder Notizblock auf der Tribüne. Erhebt Tore, Großchancen, Standards.
  • Helfer 2 (Video-Erhebung): Schaut sich nach dem Spiel das Video an und erhebt xG plus Ballbesitz.

Gute Kandidaten: ein verletzter Spieler, ein interessierter Vereinsfan, ein Sportstudent. Häufig finden sich Helfer einfacher als gedacht.

Statistiken im Spielergespräch

Statistiken sollten nicht der Hauptpunkt im Mannschaftsgespräch sein. Spieler reagieren oft mit Abwehr, wenn man ihnen Zahlen entgegenhält ("Du hattest nur 12 Pässe, dein Mitspieler 30!").

Nutze Statistiken eher für Mannschaftstrends und Einzelgespräche. Im Mannschaftskreis sage: "Wir haben in 10 Spielen 60 Standards gehabt, aber nur 4 Tore daraus erzielt. Da müssen wir besser werden." Im Einzelgespräch: "Du hattest in den letzten drei Spielen die meisten Defensivaktionen. Großartig."

Mehr zu Spielergesprächen findest du in unserem Beitrag zur Spielanalyse für Amateurtrainer.

Wie Statistiken in deine Trainingsplanung einfließen

Statistiken sind nutzlos, wenn sie nicht zu Trainingsentscheidungen führen. Ein paar konkrete Beispiele:

Beispiel 1: Niedrige xG, viele Schüsse

Deine Mannschaft schießt viel, aber aus schlechter Position. Trainingsschwerpunkt: Spielzüge, die zu Großchancen führen. Bewegung in den Strafraum, Vorstöße aus der zweiten Reihe.

Beispiel 2: Viele Standards, wenige Tore

Ihr provoziert Standards, könnt sie aber nicht verwerten. Trainingsschwerpunkt: 30 Minuten pro Woche reine Standardroutinen, plus Verteidigung gegen Standards.

Beispiel 3: Ballbesitz hoch, aber kein Druck im letzten Drittel

Ihr habt den Ball, kommt aber nicht in Strafraumnähe. Trainingsschwerpunkt: Übungen zum Vertikalspiel, Pässe zwischen die Linien.

Häufige Fehler beim Statistik-Einsatz

Fehler 1: Zu viele Daten

Wer 25 Werte pro Spiel erhebt, kann sie nicht alle interpretieren. Konzentriere dich auf 5-7 Statistiken und vertiefe sie über die Saison.

Fehler 2: Einzelspielbetrachtung

Eine Statistik aus einem Spiel ist Zufall. Erst der Trend über 5-10 Spiele sagt etwas aus. Geduld haben.

Fehler 3: Statistik als Wahrheit

Statistiken sind Indikatoren, keine Wahrheit. Wenn die Zahlen sagen "alles gut", aber dein Bauchgefühl schreit "da stimmt was nicht", vertrau deinem Bauchgefühl. Daten sind ein Werkzeug, kein Ersatz für Trainerintuition.

Statistik und Saisonplanung

Führe eine zentrale Datentabelle über die ganze Saison. Nach 15 Spielen hast du eine Datengrundlage, die für die nächste Saisonplanung Gold wert ist. Mehr zu strategischer Planung in unserem Artikel zur Saisonplanung im Amateurfußball.

Statistik-Tools für den Amateurbereich

Du brauchst keine teure Software. Konkrete Empfehlungen:

  • Google Sheets / Excel für die Eingabe und Auswertung
  • Notion für die Verbindung zwischen Daten und Trainingsdokumenten
  • BeMyCoach für Videosequenzen, die deine Statistiken untermauern
  • MatchMakers für die Verwaltung von Spielanfragen und Aufstellungen

Welche Software-Tools sich für Videoanalyse besonders eignen, zeigt unser Vergleich kostenloser Spielanalyse-Tools.

Was kostet das Ganze?

Wenn du nur die fünf Basis-Statistiken erhebst, null Euro. Notizbuch, Stift, Excel. Wenn du tiefer einsteigen willst (Heatmaps, GPS), liegen die Kosten bei mehreren hundert bis tausend Euro pro Saison.

Für Amateurvereine, die Geld investieren wollen, lohnt sich oft eher ein Mix: kostenlose Basis-Statistik plus gezielte Investition in Standardtraining oder Pressing-Schwerpunkte.

Spielerakzeptanz aufbauen

Viele Amateur-Spieler reagieren skeptisch auf Statistiken. "Hier wird wieder alles vermessen." Mein Tipp:

  • Stelle die Statistiken als Hilfe für Spieler, nicht als Bewertung vor.
  • Zeige zuerst positive Werte ("Du hast die meisten Defensivaktionen!").
  • Lass Spieler selbst Daten interpretieren – sie verstehen Spiele besser, als du denkst.

Fazit: Weniger ist mehr

Der wichtigste Satz dieses Artikels: Wer im Amateurfußball mit fünf Statistiken arbeitet und sie ernst nimmt, ist seinen Konkurrenten Längen voraus. Du musst nicht xG, PPDA und Field Tilt kennen. Du musst nur wissen, ob deine Mannschaft echte Großchancen erspielt, ob sie Standards verwertet und ob sie Druck im gegnerischen Drittel aufbaut.

Fang nächste Woche an. Tabelle in Google Sheets, fünf Spalten, los geht's.

Nächste Schritte

  • Erstelle eine Excel-Tabelle mit den fünf wichtigsten Statistiken.
  • Frage zwei Helfer (z. B. verletzte Spieler), ob sie dich unterstützen wollen.
  • Beim nächsten Spiel: Daten erheben.
  • Lies unseren Artikel zur Spielanalyse für Amateurtrainer, um die Daten richtig einzuordnen.
  • Plane in /dashboard/match-requests ein Testspiel, in dem du die Statistik live testest.
  • Wenn du Standards verbessern willst: Standardsituationen trainieren.
  • Stöbere weiter im Blog für mehr Trainerwissen.

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