Fitness & Ernährung

Krafttraining für Fußballer: Hauptübungen, Periodisierung und Hypertrophie vs. Maximalkraft

Krafttraining ist der unterschätzte Hebel im Amateurfußball. Wir zeigen dir die wichtigsten Übungen, die Periodisierung und wann Hypertrophie- oder Maximalkraftphasen Sinn ergeben.

· von Benjamin Bohl · 6 Min. Lesezeit

Im Amateurfußball ist Krafttraining noch immer Tabu — oder wird zumindest stiefmütterlich behandelt. Viele Spieler glauben, das Studio mache sie langsam, schwerfällig oder unbeweglich. Die Forschung zeigt jedoch das Gegenteil: Strukturiertes Krafttraining verbessert nachweislich Sprintzeit, Sprungkraft, Zweikampfverhalten und reduziert das Verletzungsrisiko deutlich. In diesem Leitfaden lernst du, welche Übungen wirklich wichtig sind, wie du sie über die Saison periodisierst und wann du auf Hypertrophie und wann auf Maximalkraft setzen solltest.

Warum Krafttraining für Fußballer Pflicht ist

Fußball ist eine explosive Sportart: Sprints, Sprünge, Richtungswechsel, Zweikämpfe. Wer mehr Kraft pro Kilogramm Körpergewicht produzieren kann, sprintet schneller, springt höher und kommt aus engen Situationen besser heraus. Eine Metaanalyse von Suchomel et al. (2018) zeigt: Spieler mit hohem relativen Kraftniveau zeigen 5–10 % bessere Sprintzeiten über 20 m als ihre schwächeren Mitspieler.

Dazu kommt der Präventionseffekt. Studien (z. B. Lauersen et al., 2018) belegen, dass Krafttraining Verletzungen um bis zu 66 % reduzieren kann — mehr als jede andere präventive Maßnahme. Auch der DFB hat das Thema in seinen Trainerausbildungen verankert.

Wer parallel an einem strukturierten Aufwärmprogramm arbeitet, profitiert doppelt. Mehr dazu im Beitrag Aufwärmen vor dem Spiel.

Mythos „Studio macht langsam“

Der alte Aberglaube hält sich hartnäckig: "Wer schwer hebt, wird unbeweglich." Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall — vorausgesetzt, das Training ist fußballspezifisch. Bodybuilder-Routinen mit acht Übungen für den Bizeps haben im Fußball nichts verloren. Aber Kniebeugen, Kreuzheben und Hip Thrust mit moderatem Volumen machen dich messbar schneller.

Die wichtigsten Prinzipien für Fußballer:

  • Mehrgelenkige Übungen statt isolierter Maschinen
  • Beine, Hüfte, Rumpf als Hauptfokus
  • Geschwindigkeit der Bewegung zählt mehr als das Gewicht
  • Niedrige Wiederholungszahlen mit langen Pausen für Maximalkraft
  • 2 Einheiten pro Woche reichen in der Saison

Die 7 Hauptübungen für Fußballer

1. Kniebeuge (Back Squat oder Front Squat)

Die Königsübung. Trainiert Quadrizeps, Glutealmuskulatur, Adduktoren und Rumpfstabilität. Achte auf saubere Tiefe (Oberschenkel mindestens parallel zum Boden) und neutrale Wirbelsäule.

Empfehlung: 4 × 5–8 Wiederholungen mit 75–85 % des Maximalgewichts.

2. Rumänisches Kreuzheben (Romanian Deadlift)

Die wichtigste Übung für die hintere Kette (Hamstrings, Glutealmuskulatur, unterer Rücken). Reduziert Hamstring-Verletzungen messbar.

Empfehlung: 3 × 6–10 Wiederholungen.

3. Hip Thrust mit Langhantel

Der goldene Standard für Glutealkraft. Direkter Transfer auf Sprintleistung und Sprungkraft. Studien (Contreras et al., 2017) zeigen: Hip Thrust verbessert die Sprintbeschleunigung stärker als Kniebeugen allein.

Empfehlung: 3 × 8–12 Wiederholungen.

4. Bulgarian Split Squat

Einbeinige Belastung — und damit fußballnah. Korrigiert Seitendifferenzen und stärkt die Beinkraft, ohne den unteren Rücken stark zu belasten.

Empfehlung: 3 × 8 pro Bein.

5. Klimmzug (oder Latzug)

Für Oberkörperkraft. Ein stabiler Oberkörper hilft im Zweikampf, beim Kopfball und bei Standards. Frauenspielerinnen profitieren besonders — siehe auch Verletzungen im Frauenfußball.

Empfehlung: 4 × 5–8.

6. Bankdrücken oder Liegestütz

Für Brust- und Schultergürtel. Fördert Stabilität in Zweikämpfen.

Empfehlung: 3 × 8.

7. Nordic Hamstring

Kein Studio nötig. Die wirkungsvollste Hamstring-Präventionsübung — siehe Detail in Verletzungsprävention im Fußball.

Empfehlung: 3 × 5 mit Partner.

Hypertrophie vs. Maximalkraft vs. Schnellkraft

Fußballer brauchen alle drei Qualitäten — aber nicht gleichzeitig. Die Unterschiede:

Hypertrophie (Muskelaufbau)

  • Wiederholungen: 8–15
  • Sätze: 3–5
  • Pause: 60–90 Sek
  • Belastung: 60–75 % 1RM
  • Effekt: Mehr Muskelmasse, höheres Kraftpotenzial
  • Wann: Off-Season, Vorbereitung

Maximalkraft

  • Wiederholungen: 1–6
  • Sätze: 3–5
  • Pause: 2–4 Min
  • Belastung: 85–95 % 1RM
  • Effekt: Höhere Maximalkraft, neuronale Anpassung
  • Wann: Späte Vorbereitung, Saison

Schnellkraft / Power

  • Wiederholungen: 3–6 mit explosiver Ausführung
  • Sätze: 3–5
  • Pause: 2–3 Min
  • Belastung: 30–60 % 1RM oder Körpergewicht (Sprünge, Wurfübungen)
  • Effekt: Schnellere Kraftentwicklung
  • Wann: Direkt vor und in der Saison

Wer alle drei integriert, baut robuste Athletik auf. Der Trick liegt in der Reihenfolge — und damit in der Periodisierung.

Periodisierung über die Saison

Eine sinnvolle Jahresplanung für Amateurspieler sieht so aus:

Off-Season (Juni–Juli)

  • Hypertrophie-Block über 4–6 Wochen
  • 3 Krafteinheiten pro Woche
  • Aufbau von Grundlagenkraft und Muskelmasse
  • Kombiniert mit Grundlagenausdauer

Vorbereitung (Juli–August)

  • Maximalkraft + Schnellkraft über 4 Wochen
  • 2 Krafteinheiten pro Woche
  • Plyometrie ergänzen (Box Jumps, Hürdensprünge)
  • Übergang zur Spielform

Hinrunde (September–November)

  • Erhaltung mit 1–2 kurzen Einheiten pro Woche
  • Schwerpunkt: Schnellkraft, Hip Thrust, Nordic Hamstring
  • 30–45 Min reichen — Qualität statt Volumen

Winterpause (Dezember–Januar)

  • Hypertrophie + Stabilisierung über 4 Wochen
  • 2–3 Einheiten pro Woche
  • Ideal, um Defizite aufzuarbeiten — etwa nach Verletzungen oder bei einem Comeback nach Knieverletzung

Rückrunde (Februar–Mai)

  • Erhaltung wie Hinrunde
  • In Wettkampfphasen mit zwei Spielen pro Woche: Krafttraining auf 1×/Woche reduzieren

Die Gesamtplanung lässt sich gut mit der Saisonplanung im Amateurfußball verknüpfen.

Wochenplan für die Hauptsaison

Ein praktikabler Plan für den Amateurspieler mit einem Spiel pro Woche (Sonntag):

Tag Inhalt
Montag Aktive Erholung, Mobility
Dienstag Mannschaftstraining (Taktik)
Mittwoch Krafttraining 1: Beine + Rumpf (45 Min)
Donnerstag Mannschaftstraining (Spielformen)
Freitag Krafttraining 2: Schnellkraft + Oberkörper (30 Min)
Samstag Lockeres Training oder Ruhetag
Sonntag Spiel

Wichtig: Krafttraining mindestens 48 Stunden vor dem Spiel abschließen — sonst bleiben Muskeln müde.

Beispiel-Einheit Mittwoch (Beine + Rumpf)

  1. Aufwärmen 10 Min: Crosstrainer + dynamische Mobility
  2. Back Squat 4 × 5 mit 80 % 1RM (3 Min Pause)
  3. Romanian Deadlift 3 × 8
  4. Bulgarian Split Squat 3 × 8 pro Bein
  5. Hip Thrust 3 × 10
  6. Plank 3 × 45 Sek
  7. Copenhagen Adductor 2 × 8 pro Seite
  8. Cool-down + Mobility 5 Min

Gesamtzeit: ca. 60 Minuten.

Beispiel-Einheit Freitag (Power + Oberkörper)

  1. Aufwärmen 10 Min mit Sprungübungen
  2. Box Jumps 4 × 4 (Fokus: hohe Geschwindigkeit)
  3. Klimmzug 3 × 6
  4. Bankdrücken 3 × 6
  5. Medizinball-Würfe 3 × 5 (explosiv)
  6. Side Plank 3 × 30 Sek pro Seite
  7. Mobility-Cool-Down 5 Min

Gesamtzeit: ca. 40 Minuten.

Krafttraining für unterschiedliche Spielertypen

Stürmer und Außenspieler

Fokus auf Sprintkraft, Sprungkraft, einbeinige Übungen. Hip Thrust und Bulgarian Split Squat haben Priorität.

Verteidiger

Mehr Maximalkraft im Oberkörper für Zweikämpfe. Bankdrücken, Klimmzug, schwere Kniebeugen.

Mittelfeldspieler

Ausgewogenes Programm. Etwas mehr Volumen wegen der Laufbelastung — passt zu Spielsystemen wie 4-3-3 im Amateurfußball und Pressing im Amateurfußball.

Torhüter

Maximale Schnellkraft, Sprungkraft, Schulterstabilität. Mehr Hechtsprung-spezifische Übungen, Medizinball-Würfe und Schulterstabi. Ergänzend: passende Torwart-Ausrüstung im Amateurbereich.

Jugendspieler (U15 und älter)

Kein schweres Heben unter 13 Jahren. Ab U15 kontrolliert mit Eigengewicht und leichten Hanteln einsteigen — Details im Beitrag zum C-Jugend-Training U15.

Senioren / Ü40

Fokus auf Erhalt der Kraft. Mehr Wiederholungen, weniger Maximalgewicht. Mehr im Artikel Senioren-Fitness erhalten.

Häufige Fehler im Krafttraining

  1. Zu viel Volumen — fußballer brauchen keine 6 Übungen pro Muskelgruppe
  2. Falscher Zeitpunkt — Krafteinheit am Vorabend des Spiels
  3. Schlechte Technik — lieber leichteres Gewicht und sauber ausführen
  4. Vernachlässigung der hinteren Kette — Romanian Deadlift und Hip Thrust sind Pflicht
  5. Keine Periodisierung — gleiche Reize über 9 Monate führen zu Stagnation

Krafttraining und Regeneration

Krafttraining ist eine harte Belastung. Die Regenerationszeit zwischen Kraft- und Spieleinheiten ist entscheidend. Mehr Tipps findest du im Beitrag Regeneration nach dem Spiel und in der Ernährung am Spieltag — die Eiweißzufuhr nach dem Training ist nicht verhandelbar.

Equipment für zuhause

Wer kein Studio nutzt, kann mit relativ wenig Equipment arbeiten:

  • Klimmzugstange (50–80 €)
  • Hantelset 2–25 kg (200–400 €)
  • Kettlebell 16 kg + 24 kg (60–120 €)
  • Resistance Bands (30 €)
  • Sprungseil (10 €)

Für die Schuhwahl beim Sprinttraining im Freien siehe unseren Beitrag zu Fußballschuhen für Kunstrasen.

Krafttraining mit MatchMakers koordinieren

Krafttraining wirkt am besten, wenn es in den Wochenplan eingebettet ist. Über die Events-Verwaltung in MatchMakers kannst du Einheiten neben Mannschaftstraining und Spielen abbilden. Pflege dein Spielerprofil, damit Trainer dein Niveau und deine Belastungstoleranz einschätzen können. Wenn du noch keinen Account hast, registriere dich kostenlos.

Fazit

Krafttraining macht dich nicht langsamer, sondern schneller, stabiler und widerstandsfähiger. Die wichtigsten Punkte:

  1. 2 Einheiten pro Woche in der Saison reichen
  2. Hauptübungen: Squat, RDL, Hip Thrust, Bulgarian Split Squat, Klimmzug, Bankdrücken, Nordic Hamstring
  3. Periodisierung: Hypertrophie off-season, Maximal- und Schnellkraft in Vorbereitung und Saison
  4. Qualität vor Volumen — saubere Technik, niedrige Wiederholungen
  5. 48 Stunden Abstand zum Spiel

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